KOLUMNE

„echt“ von hier

„Bist du Berlinerin?“ Er schreit in mein Ohr. Das Licht schlägt in bunten Takten um uns herum, wirft rot und blau und orange und gelb um unsere Köpfe, die sich zueinander neigen. Ich rolle mit den Augen. Schon wieder diese dumme Frage. „Klar“, ich sehe zu ihm hoch. Ein fremdes Gesicht, ein Bart, zwei relativ leere braune Augen. „Also bist du echte Berlinerin?“ Er betont das Wort „echt“, als wäre es ein langgezogener Kaugummi in seinem Mund, den er aufpustet

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Einsamkeit

Amelie und ich sitzen in einem dieser Lokale in unserem Kiez, die in den letzten Monaten stark die Preise erhöht haben. Statt acht zahlt man jetzt zwölf Euro oder mehr für seine Bowl oder das Avocadobrot. „Uff“, mache ich, als ich einen Blick auf die Karte werfe. Wie immer werden wir abgelenkt davon, dass jemand mit meinem Hund ins Gespräch kommt, sich neben uns runter bückt und in entzückte Laute verfällt. Nachdem die beiden ein paar Minuten nur mit Penny

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Irgendwann …

„Irgendwann wohne ich nochmal ein paar Monate irgendwo im Ausland am Meer“, sagte ich immer mal wieder zu immer mal unterschiedlichen Menschen, denen ich in jenem Moment eben gegenüber saß. Wir teilten Brot oder Sushi, Fünfjahrespläne oder Reisetipps, unsere tiefen Träume oder alberne Ideen, die uns in den Sinn gekommen waren.Es ist so ein Satz den man so daher sagt, den sich viele bestimmt denken. Leben hier ist schön, aber mal irgendwann die Arbeit einpacken und sie von einem Strandort

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Spätsommermelancholie

„Wir brauchen Fotos zur Erinnerung“, sage ich in die Runde, „an uns und an diesen Sommer“. Es ist warm, Samstag Nacht, wir sitzen draußen, die Straßen voller Menschen, warmes Licht scheint aus den angrenzenden Bars. Unsere Stimmen kleben sich so ineinander, dass sie gar nicht wirklich zu entwirren sind, ein Lachen, das hier anfängt und woanders aufhört, Energie, die ansteckend ist. Ich bestelle den witzigsten Drink von der Karte, es wird mein running gag, der sich über den Abend zieht,

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Losziehen

1 Der Laptop steht aufgeklappt auf meinem Glasschreibtisch, der schon ein paar Kratzer hat. Es ist vor ein paar Wochen, so ein kalter Frühlingstag, an dem sich die Sonne irgendwo zwischen Nebelwand und gegenüberliegender Hausfassade verlor. Wir arbeiten uns gemeinsam durch meine Versicherungen, eine nach der anderen wird auf Sinn und Inhalt geprüft. Haftpflicht, Hundehaftpflicht, Hausrat. „Hausrat? Brauchst du sie? Was hast du so? Und was davon brauchst du?“ Meine Finanzberaterin guckt mich durch die Zoom-Kamera an, als würde sie

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Himbeeren

„Viel Kraft heute“, schreibt er mir in dem Moment, bevor ich das Handy wieder in die hintere Tasche meiner Jeans gleiten lasse. Wir sind hier, um uns zu verabschieden. Wir stehen im dunklen Flur auf der Mamortreppe, die zu der kleinen Einliegerwohnung nach oben führt. Draußen war ein Spätsommermorgen, der schöner nicht sein könnte. Wir hatten ihn mit dem Zufallen der Tür ins Schloss hinter uns ausgesperrt. „Wie mag sich das wohl anfühlen, zu wissen, dass man jetzt auf der

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Leben, kürzlich

Meine Leerzeichentaste klemmt, seit ich irgendwann in der Wohnung einer Freundin lachend O-Saft über meinen Laptop geschüttet hatte. Jedes Leerzeichen muss ich seither energisch reinhämmern. Manchmal finde ich das unfassbar lustig. Heute sitze ich stumm vor dem blinkenden Cursor und betrachte die weiße Seite hier vor mir. Die Worte wollen gerade nicht raus. Sie wollen in mir bleiben, sich einnisten, nicht als Gedanken laut ausgesprochen werden, und auch nicht festgehalten, aufgeschrieben. Dabei studiere ich Kreatives Schreiben, also irgendwie Schreibtherapie, als

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Unterwegs

Es war der sechste Morgen, an dem ich wieder in meiner eigenen Wohnung aufwachte. Oder zumindest irgendwann kurz vor dem Sonnenaufgang benommen aus meinem viel zu großen Bett heraus kraxelte. Der Rucksack lag auch sechs Tage später noch immer unausgepackt neben der Couch, dort, wo ich ihn an einem eisigen Abend der letzten Woche abgeworfen hatte. Sein Innenleben war auseinander gepflückt und leicht explodiert, die Basics lagen noch darin. Alles, was ich hier noch nicht gebraucht hatte. Ich war zu

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Sich wieder fühlen

Ich sitze an der langen Dinner-Tafel auf der Terrasse und beobachte Rosa, die uns, ohne ihre Miene zu verziehen, die Teller mit Reis, Bohnen, gebackenen Platanos und Gemüse reicht. Meine Haare hängen nass und salzgetränkt auf meinem Rücken runter. Über uns leuchten Lichterketten, ein leichter Wind zieht durch die großen Palmen und die Dunkelheit hier im Garten. Reihum blicke ich in glückliche, ausgelaugte Gesichter. Fast jeder hier hat den Morgen beim Yoga und den Nachmittag auf dem Bord verbracht, sich

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Zu Hause sein

Ich wache morgens auf, noch leicht benommen von den zwei Margaritas am Abend zuvor, und halte mein Gesicht in die Sonne, die langsam über den Rand der Balkonbrüstung in das Schlafzimmer klettert. Meine Arme tun weh vom Power Yoga gestern, mein Rücken auch. Auf so eine gute Weise. Auf die, bei der man sich lebendig fühlt, in seinem Körper angekommen. Mein Daumen scrollt über den kalten Bildschirm, ich checke die Nachrichten, und ziehe dann einfach Flip Flops unter meine Schlafshorts

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